Carr
Im Wald,  Sagenhaftes

Zwischen Totempfählen

In Kanada kennt jedes Kind Emily Carr – der Verlag ‚Das kulturelle Gedächtnis‘ hat die Autorin und Künstlerin jetzt auch in Deutschland aus der Versenkung geholt.

Carr
Emily Carr, Zunoqua of the Cat Village, 1931

Emily Carr war eine weltoffene und fortschrittliche Frau für ihre Zeit. Ende 1871 im kanadischen Victoria geboren, wuchs sie in eine Gesellschaft auf, in der die Ureinwohner der kanadischen Wildnis als rückständig und unzivilisiert betrachtet wurden und durch rücksichtslose Missionare zum christlichen Glauben „bekehrt“ werden sollten.

Doch Carr hinterfragte diese Zustände bereits als junges Mädchen. Als sie zum ersten Mal intensiver mit den Indianern, den „First Nations“ in Berührung kommt, ist sie zarte fünfzehn Jahre alt. Sie verbringt eine Weile im Reservat in Ucluelet, wo sie die Einwohner*innen porträtieren möchte und ihr – nach anfänglicher Skepsis, denn vor Ort glaubt man, mit einem Bild werde die Seele eines Menschen eingefangen und dann auf ewig darin festsitzen – der Name „Klee Wyck“ gegeben wird: Die, die lacht.

Dass Emily Carr einen bodenständigen Humor besitzt, macht ihre Texte besonders sympathisch. Obwohl sie ihre Erinnerungen an zahlreiche Reisen in ihren jungen Erwachsenenjahren erst 1944 aufschrieb und veröffentlichte, wirken sie so lebhaft, als hätte sie es erst am Tag zuvor erlebt. Carr wird regelmäßig derart seekrank, dass die Bootsführer ihren schlaffen Körper an den Strand tragen müssen – aber sie gibt das Reisen trotzdem nicht auf. Zu stark ist die Anziehungskraft scheinbar unberührter Orte, die von der Natur zurückerobert werden. Ihre Naturbeschreibungen sind dabei von einer eigentümlichen Kraft:

„An einem stürmischen Tag wirkte Skedans fürchterlich bedrohlich. Auf der rechten Seite der Bucht erhoben sich direkt hinter eine Riff zwei grobe, kegelförmige Hügel, deren Spitzen Häubchen aus tiefhängenden Wolken trugen. Die plumpen Hügel waren dicht mit Bäumen bewachsen, nur seitlich gab es ein paar blanke Stellen, die wie Narben wirkten, als hätte irgendeine Monstrosität sie von oben bis unten aufgerissen. Hinter diesen Hügeln fraß sich das Meer so tief in die Küstenlinie, dass nur noch ein schmaler Streifen Land blieb […]“

Carr
Das Cover der deutschen Ausgabe

Immer wieder begibt sie sich mit kleinen Schiffen oder Booten entlang der Küste von British Columbia zu Siedlungen oder Reservaten – nicht selten gerät sie dabei in Lebensgefahr –, um dort die zurückgelassenen Totempfähle zu malen und die Mythen und Geschichten der Einwohner auf sich wirken zu lassen. Ihre Beobachtungsgabe ist scharf, aber gleichzeitig von einer liebevollen Weichheit geprägt.

Carr lernt, sich in den verschiedenen Sprachen zu verständigen, knüpft enge Freundschaften mit den Frauen in den Reservaten und begleitet Trauerzeremonien für verstorbene Kinder. Jede Zeile ihrer Texte zeichnet sich durch tiefen Respekt vor den Traditionen der Indianer aus, vor ihrem Schmerz über die Brutalität der Missionare, die ihre Götter als ‚heidnisch‘ abtaten und die Kinder auf ferne Internate schickten, wo sie ihre Muttersprache verlernten und ihre Herkunft verleugnen sollten.

Ihre Kritik dieses Umgangs ist deutlich und harsch – allerdings auch aus der sicheren zeitlichen Entfernung von mehreren Jahrzehnten geschrieben. Zitiert sie einen der Missionare, spricht dessen herablassende Haltung für sich selbst:

„Es ist gut für die Indianer, wenn ein Weißer bei ihnen im Haus wohnt; wir befinden uns in einer sehr schwierigen Phase mit ihnen – der Übergang von den alten Sitten zu den neuen. Ich kann Ihnen sagen, es war einfacher, mit Wilden fertig zu werden als mit diesen halbzivilisierten Leuten… im Grunde ist es ganz unmöglich…

Es ist eine große Freude, diese kanadische Autorin – nicht nur analog zum letzt- und diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse – neu zu entdecken oder wiederzuentdecken. Immer wieder finden sich Sätze, die man mehrmals lesen muss, weil sie außergewöhnliche Bilder im Kopf auslösen; etwa wenn Carr in der Erzählung „Tanoo“ schreibt: „Das Knirschen des Kanus auf den Kieseln warnte die Stille, dass wir kommen und sie brechen würden.“

„Klee Wyck – Die, die lacht“ ist eine Sammlung eindringlicher Geschichten, in denen jedes Wort mit Bedacht formuliert wurde – und gleichzeitig eine beeindruckende Darstellung von Natur, Mythos und Tradition. Gehen wir also mit Emily Carr auf Reisen in eine andere Welt!

Emily Carr
Klee Wyck – Die, die lachte. Reportagen
Aus dem kanadischen Englisch von Marion Hertle
Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 2020
Gebunden, 176 Seiten, 20 Euro

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt/Main zeigt ab dem 5. Februar (zumindest laut Plan) die Ausstellung Magnetic North, in der auch Malereien von Emily Carr zu sehen sein werden.

Titelbild: Danika Perkinson / Unsplash

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