Wod
Sagenhaftes

Der Wod kommt

Ein dichtes Familiengeflecht über mehrere Jahrzehnte, verknüpft mit einer mystischen Figur: Das ist „Der Wod“ von Silvia Tschui.

„Wenn du nicht brav bist, kommt Rübezahl und bestraft dich“, pflegte meine Oma mir als Kind manchmal zu sagen. Eine Form der schwarzen Pädagogik, über die heute die Nase gerümpft wird, die aber damals durchaus gängig war. Zumindest bei den älteren Generationen, die noch enger mit den Sagen und Märchen ihrer Umgebung aufgewachsen waren.

Zu dieser heute älteren Generation zählen auch Karl und Nis, zwei der Hauptfiguren in Silvia Tschuis Roman Der Wod. Sie wuchsen während des Zweiten Weltkriegs auf, wurden schon früh mit Angst und Hunger konfrontiert, mussten fliehen, sich verstecken, Tote zurücklassen, verkeimte Kartoffeln essen. Dass Kartoffeln etwas mit einem Jahrzehnte alten Streit zu tun haben, zeigt sich auf dem 75. Geburtstag von Lilli, der Mutter der Beiden. Es kommt zum Eklat – in dessen Folge Enkelin Charlotte das weit verzweigte und fein ziselierte Netzwerk der zwischenmenschlichen Verbindungen dieser Familie aufdröselt und Geheimnisse aufdeckt.

Da ist Julius, der bereits eine erwachsene Tochterhat, als er in zweiter Ehe zwei Söhne zeugt; er schließt sich einer den Freimaurern ähnlichen Gemeinschaft an, die Juden aus dem Land schleust und ihn später dazu zwingt, selbst unterzutauchen. Seine Frau geht mit dem kleinen Karl und dem noch kleineren Nis zu Verwandten nach Mecklenburg, später fliehen sie vor den einmarschierenden Russen – Karl und Nis werden auf ewig von diesen Erlebnissen geprägt sein.

Literatur wie im Film

Da ist Lilli, besagte bereits erwachsene Tochter, die sich nach einem glamourösen Leben als Tänzerin sehnt und sich in die Freiheit heiratet. Denkt sie, und landet dann in einem Schweizer Bergdorf, in dem sie auffällt und abgelehnt wird wie ein bunter Hund. Ihre Tochter Sünje wird klein gehalten, findet kaum Platz zur freien Entfaltung, wird früh schwanger. Es folgen Schicksalsschlag auf Schicksalsschlag.

Dass der Roman, trotz der Fülle an Lebensgeschichten, nur knapp 300 Seiten lang ist, liegt an der geschickten Erzählweise der Autorin: Einzelne Episoden, die teilweise mehrere Jahrzehnte auseinanderliegen, werden nur durch ein Komma getrennt – was sich liest, als schaue man einen Film mit geschickter Überblendung der Szenen. Als Leser*in befinden wir uns durchweg auf mehreren Zeitebenen, lassen uns ohne Halt durch die Familiengeschichte treiben. Manchmal können die einzelnen Stränge und Namen verwirrend sein: Wer war jetzt nochmal Sünje, in welchem Verwandschaftsverhältnis steht sie zu Nis und was hat Karol mit der Geschichte zu tun? Ein Personenindex am Anfang schafft diesbezüglich aber Abhilfe.

Und der Wod, was hat der mit dem Ganzen zu tun? „Nee, jetzt ernsthaft, du kennst den Wod nicht? Den wilden Jäger, den Himmelsfürsten? Von welchem Bau bist du denn gefallen?“ erzählt Lilli ihrem Halbbruder Karl einmal, da ist er noch klein.

„Der Wod war ein Fürst, dem hat vor vielen Jahren mal der ganze Norden und Osten hier gehört, so weit du nur sehen kannst und noch weiter […]. Fürchterlich hat er ausgesehen, mit stechendem Blick, hager und immer vornübergebeugt auf seinem Ross, einem wilden Schimmel. […] Die Frauen, die sich nicht schnell genug verstecken konnten, hat er vorn aufs Pferd geschmissen und mitgenommen und später gebraten und seinen Hunden verfüttert.“

Wod ist eine dieser klassischen Sagenfiguren, die in ihrem Verhalten an den nordischen Gott Wotan/Odin erinnert, der als Anführer der so genannten „Wilden Jagd“ gilt. Karl wird diese mythische Figur auf jeden Fall einen gehörigen Schrecken einjagen, noch viele Jahre wird er sich vom Wod beobachtet und beeinflusst fühlen.

Der Wod ist ein Roman, der sich nur schwer nacherzählen lässt, den man selbst „erleben“ muss, um die unzähligen Feinheiten würdigen zu können. Er liest sich wie ein aufwändig gewebtes Wandbild, eine detailreiche Tapisserie voller intensiver Farben – durchsetzt mit unzähligen dunklen Flecken aus Traumata und Schmerz, die man lieber nicht anschauen würde, die aber unweigerlich zum Leben dazugehören. Das ist literarisches Kino!

Silvia Tschui
Der Wod

Rowohlt Verlag, 2021
Gebunden, 272 Seiten, 22 Euro

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